Von der horizontalen zur vertikalen Personalstrategie

Personaler betrachten oft die Biografie von Bewerbern wie eine Landschaft. Der Lebenslauf beginnt gleichsam am Ufer des Meeres, Normalerweise als Geburtsdatum bezeichnet, und steigt allmählich an über die Wissenschichten der verschiedenen Schultypen. Aus Noten liest man die Qualität des Wissensgesteins ab. Zeiten biografischer Brüche werden wie Felsabbrüche oder Lawinenabgänge interpretiert. Am liebsten sind Personalern stetige Anstiege an Wissen und Erfahrung. Bäche, die das Gelände tränken, heißen Fleiß und Arbeitskraft. Bäume stehen für Stabilität und Elastizität im Handeln. Saftige Wiesen repräsentieren produktive Mitarbeit. Herausragende Leistungen wirken wie in die Landschaft ragende Felsen. Man braucht sie für strategische Ausblicke. Sie sollten aber nicht den Feldherrnhügel des Chefs überragen. Unternehmerische Position und Einkommen orientieren sich gewöhnlich an der Dicke der Gesteinsschichten (Bildungsmaßnahmen, Kenntnisse, Leistungen), also an den objektiv messbaren Höhenmetern.

Nur wenige große Unternehmer türmen ihre Kräfte auf zu hohen Bergen, die eine weite Landschaft, das Unternehmen, beherrschen. Der Aufstieg ist oft steil wie eine Felswand. Genauso steil geht es manchmal auf der anderen Seite wieder hinunter. Vorbildlicher erscheint da, was an vielen Stellen die Nordalpen bieten. Steile Abhänge auf der Nordseite, sanfte Almen auf der Südseite.

Unternehmen sind auf unterschiedlichen Bodenniveaus angesiedelt. Manche arbeiten nahe am Meer, andere auf der weiten Ebene, wieder andere im Mittel- oder Hochgebirge. Manche Betriebe leben von regelmäßiger Produktion wie Handwerksbetriebe, andere von der Jagd wie Versicherungen, wieder andere vom Fischfang wie Kaufhäuser.

Das Landschaftsbild drückt gut aus, wie vielfach in Unternehmen heute noch gedacht wird. Gemessen wird gleichsam die Höhe des Bodens, der unter den Füßen liegt.

 

Ist ein solches Bild den aktuellen Entwicklungen noch angemessen?

Wir glauben, das Bild wird immer stärker von der realen Entwicklung überholt.

Wir haben von einer horizontalen auf eine vertikale Mitarbeiterbetrachtung umzustellen.

Was zeichnet sie aus? Sie orientiert sich an den Kreativkräften der Mitarbeiter. Greifen wir noch einmal das Landschaftsbild auf, dann gilt künftig: es kommt nicht so sehr darauf an, wo die Mitarbeiter gehen, sondern wie sie gehen. Es gilt herauszufinden, was in den Füßen an Kraft steckt.

Wie beschaffen also ist der Mensch, der den Weg geht? Geht er behend, leichtfüssig, zielstrebig oder muss er zu jedem Schritt gedrängt oder gar gezwungen werden?

Sammelt sich auf dem Weg Frohsinn oder Missmut, Wut, Hass an? Entwickeln sich tragfähige Beziehungen oder heimliche Feindschaften?

Wichtiger als statisches Wissen wird kreatives Miteinander. Wichtiger als bestimmte Fähigkeiten werden Willenskraft und Engagement für das Unternehmen.

 

Was einer heute für wichtig hält, muss morgen nicht unbedingt mehr gelten. Wer heute die Arbeit auf hoher See (Vertrieb) liebt, zieht morgen vielleicht den Rhythmus der Landwirtschaft (Familie) vor, und erweist sich übermorgen als starker Bergwanderer, der Karriere macht.

Die junge Generation ist inzwischen bekannt dafür, dass sie dazu tendiert, häufiger als früher die Arbeitsstelle oder überhaupt den Beruf zu wechseln. Der primäre Grund scheint nicht zu sein, anderswo mehr Geld zu erhalten, sondern das Anliegen, den inneren Veränderungen äußerlich möglichst nahe zu kommen. Wo die Personalentwicklung darauf achtet, werden weit weniger Leute davonlaufen, als dies bisher der Fall ist.

Wer in dem genannten Falle der Mühe der Familiensorge genügend Raum gibt, wird danach sehr wahrscheinlich einen engagierten Mitarbeiter haben, der gern mehr leistet, als er unbedingt muss.

 

Dr. Karl Hofmann

 Von der horizontalen zur vertikalen Personalstrategie